Im Folgenden stellen wir allgemeine Kriterien zur Bewertung von Unternehmen dar. Diese gelten unabhängig von der Unternehmenskategorie und sind daher für jedes Unternehmen relevant.

Eigenkapitalquote

Die Eigenkapitalquote ermittelt sich als Eigenkapital /  Gesamtkapital, wobei Gesamtkapital = Eigenkapital + Fremdkapital = Bilanzsumme. Es ergibt sich ein Prozentsatz. Die Eigenkapitalquote ist ein Maß für die Verschuldung eines Unternehmens. Je höher die Eigenkapitalquote, desto geringer die Verschuldung und desto robuster ist das Unternehmen gegenüber aufkommenden Krisen, da es umso mehr in der Lage wäre, in einer solchen Krise zusätzliches Fremdkapital aufzunehmen. Je höher die Eigenkapitalquote, desto besser die Bonität und desto eher sind Banken bereit, weitere (zinsgünstige) Kredite zu gewähren.

Umlaufvermögen / Fremdkapital

Dies ist ein von Peter Lynch empfohlenes Maß für die Liquidität eines Unternehmens. Es ergibt sich ein Prozentsatz. Hierbei ist die Frage, inwieweit das Unternehmen in der Lage wäre, die aktuellen Schulden aus dem liquiden Vermögen zu begleichen. Wünschenswert ist ein Wert über 100%, da dies bedeutet, dass das Unternehmen selbst dann nicht insolvent würde, wenn die Fremdkapitalgeber alle gewährten Kredite zurückfordern würden. Man beschränkt sich hier auf das Umlaufvermögen wie Kontoguthaben, Forderungen an Kunden und Lagerbestände, da nur diese kurzfristig zur Rückzahlung von Krediten herangezogen werden könnten. Anlagevermögen wie Fabrikhallen und Maschinen oder immaterielle Vermögenswerte wie Markenrechte oder Lizenzen können dagegen in der Regel nicht kurzfristig oder nur mit großen Verlusten veräußert werden und werden daher beim zur Verfügung stehenden Vermögen nicht berücksichtigt.

Fähigkeiten des Managements

Diese Eigenschaft kann nur schwer quantifiziert werden, zählt aber zu den wichtigsten Unternehmenseigenschaften und wird daher im Enterprise Score entsprechend hoch gewichtet.

Ökonomischer Burggraben

Das wichtige Konzept des ökonomischen Burggrabens geht auf Warren Buffett zurück und ist im Lion Folio Enterprise Score am höchsten gewichtet. Die Breite des Burggrabens ist ein Maß für die Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens. Ohne Burggraben ist ein Unternehmen anfällig für die immer vorhandene Konkurrenz und wird auf Dauer nicht überleben können.

Kosten des Wachstums

Oft fragt man sich, warum manche Unternehmen sehr schnell, andere nur sehr langsam wachsen. Das kann natürlich zum einen daran liegen, dass es sich bei dem schnell wachsenden Unternehmen um ein neu gegründetes Startup handelt, das sich gerade seinen neuen Markt erschließt. Aber auch unter den Neugründungen gibt es große Unterschiede. Dies liegt oft daran, dass es sehr aufwändig sein kann, neue Produkte zu entwickeln oder den Kundenstamm zu erweitern. Pharma- und Biotech-Unternehmen etwa haben horrende Forschungs- und Entwicklungsausgaben von durchschnittlich 800 Mio €, um ein einziges neues Medikament zur Marktreife zu bringen. Eine einmal entwickelte Software-Plattform dagegen erfordert nur geringe Mehrkosten im Betrieb, wenn sich die Nutzerzahl stark erhöht. Diesen Unterschied sollte man bei der Bewertung unbedingt berücksichtigen.

Blue Ocean

Als „blauer Ozean“ wird der Bereich eines Marktes bezeichnet, in dem sich nur wenige Unternehmen tummeln. Wer hier schwimmt, kann dies relativ friedlich und entspannt tun, ohne sich mit allzu vielen Wettbewerbern um die Beute streiten zu müssen. Das Gegenteil des Blue Ocean ist der Red Ocean, wo es das große Hauen und Stechen gibt. Als Investor sollte man versuchen, den Red Ocean möglichst zu meiden. Das ist oft leichter gesagt als getan, da der Red Ocean gerade der Bereich ist, in dem „die Post abgeht“. Hier befinden sich all die schönen coolen neuen Trends, die das große Geld in kurzer Zeit versprechen. Dotcom, Biotech, Internet, E-Mobilität, Wasserstoff und Cannabis lassen grüßen. Leider wird dabei oft übersehen, dass das Hauen und Stechen auch viele Verlierer zurücklässt und es vorher schwer ersichtlich ist, wer zu den wenigen Gewinnern und wer zu den vielen Verlierern zählen wird. Daher rät Warren Buffett, diesen Bereich zu meiden und erst dann zu investieren, wenn die Gefechte beendet sind und die Gewinner feststehen, auch wenn man dadurch den ersten Teil des Wachstums eines Unternehmens verpasst.

Konjunktur-Abhängigkeit

Nach dem Burggraben ist dies die am zweithöchsten gewichtete Eigenschaft im Lion Folio Enterprise Score. Sie ist ein Maß dafür, wie sehr die Gewinne eines Unternehmens vom Konjunkturzyklus abhängen. Das ist deshalb so wichtig, damit man nicht den Fehler macht, die Gewinnsteigerungen eines zyklischen Unternehmens in die Zukunft fortzuschreiben. Denn nach einigen Jahren Gewinnsteigerung wird bei einem zyklischen Unternehmen genau das Gegenteil passieren und der Aktienkurs einbrechen. Mehr noch: allein schon die Erwartungen der Marktteilnehmer, dass sich die Konjunktur eintrüben könnte, führt meistens zu starken Kursrückgängen. Daher können zyklische Unternehmen selbst in Zeiten kontinuierlichen Gewinnwachstums stark schwankende Aktienkurse aufweisen, für die es keine rationale Begründung zu geben scheint. Daher ist hier Vorsicht geboten, und die Ein- und Ausstiegszeitpunkte müssen abhängig von der Marktstimmung geschickt gewählt werden. Das ist nur etwas für Profis, daher sollten zyklische Unternehmen von Hobby-Privatanlegern möglichst gemieden werden.

Kundenbreite

Die Kundenbreite gibt an, ob das Unternehmen ein Klumpenrisiko bzgl. der Umsätze aufweist. Je größer der Umsatzanteil ist, den ein Unternehmen mit nur wenigen Großkunden macht, desto schlechter die Kundenbreite. Dies ist typisch für z.B. Autozulieferer, deren Kunden fast immer nur in einer handvoll Autohersteller bestehen. Eine noch geringere Kundenbreite haben in der Regel die Zulieferer von Smartphones, da der Weltmarkt im Wesentlichen auf 3 Kunden aufgeteilt ist (Samsung, Huawei, Apple). Storniert nur 1 dieser Kunden seine Bestellungen, sind schnell 20% und mehr der Umsätze in Gefahr. Ein Risiko, das man als Investor nur mit Insiderwissen in den Griff bekommen kann und daher möglichst meiden sollte, falls ein solches Wissen nicht vorliegt.

Kommen wir nun zu den Kategorie-spezifischen Kriterien zur Bewertung von Unternehmen.