Über diese Frage wird häufig gestritten, sie ist fast schon zu einer Glaubensfrage geworden. Glauben ist jedoch nur nötig, solange man die Dinge nicht klar analysieren kann. Ich bin der Ansicht, dass eine klare Analyse in diesem Fall möglich und eine hitzige Glaubensdebatte daher unnötig ist.

Meine Antwort

Ich bin der Ansicht, dass beide Formen des Investierens in Unternehmen grundsätzlich sinnvoll sind und ihre Berechtigung haben. Es kommt einfach auf die konkreten Gegebenheiten des Investors an. Je mehr Zeit zur Unternehmensanalyse zur Verfügung steht und je höher der zu investierende Betrag ist, desto eher wird man sich auf Einzelunternehmen fokussieren. Wer dagegen neben einem Vollzeitjob und Familie nur sehr wenig Zeit übrig hat und / oder nur einen geringen Betrag investieren möchte, der ist mit ETFs in den meisten Fällen besser beraten.

Wie komme ich zu dieser Einschätzung?

2 Aspekte spielen hier eine Rolle: Diversifizierung und Zeitaufwand.

Diversifizierung

Einer der wichtigsten Aspekte beim verantwortungsvollen Investieren ist die Diversifizierung, d.h. die Verteilung des Vermögens auf verschiedene Anlageobjekte. Beim Investieren in Unternehmen also die Verteilung auf verschiedene Aktien. Der Grund ist einfach: setzt man nur auf 1 Unternehmen und dieses stellt sich später als Fehlgriff heraus, war die gesamte Investition ein Fehlgriff. Da man vorher nicht sicher wissen kann, ob ein einzelnes Unternehmen in nächster Zeit in Schwierigkeiten gerät, käme es einem Glücksspiel gleich, sein gesamtes Vermögen nur in ein oder wenige Unternehmen zu investieren. Für ein solches Investment gilt zwar im Durchschnitt die gleiche zu erwartende Rendite, aber der Durchschnitt nützt einem nichts, wenn man derjenige ist, der mit seinem Unternehmen weit unter dem Durchschnitt liegt. Die Aktionäre von EON, der Deutschen Bank oder Commerzbank können ein (trauriges) Lied davon singen. Dies waren einmal Unternehmen, die als besonders krisensicher galten (Energieversorger und Banken), doch das hat deren Kurse nicht davon abgehalten, in 10 Jahren um mehr als 80% zu fallen. Das bedeutet fast ein Totalverlust des eingesetzten Kapitals, und das, obwohl diese Unternehmen noch nicht einmal insolvent sind (im Falle der Commerzbank dank staatlicher Rettung). Es ist also gar nicht so schwierig, selbst bei vermeintlich sicheren Unternehmen voll ins Klo zu greifen. Niemand ist davor gefeit und gerade wenn etwas besonders sicher aussieht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass schon viele andere vorher auf die gleiche Idee gekommen sind und den Kurs in große Höhen getrieben haben, die von den Unternehmenszahlen anschließend nicht gerechtfertigt werden können. Und dann geht es meistens schneller abwärts, als man das erkennen und noch schnell verkaufen kann…

Diversifikation ist also wichtig. In der Welt der Investoren hat sich der Erfahrungswert etabliert, dass man mindestens in 10, besser in ca. 30-50 Unternehmen investiert sein sollte. Bei mir sind es aktuell ca. 40 Unternehmen. 40 Unternehmen bedeutet 40 Käufe, und die kosten Geld. Bei meinem sehr günstigen Online-Broker, der Onvista-Bank, macht das aktuell 6,50€ pro Order unabhängig vom Betrag, also insgesamt 260€. Die muss man durch Kurssteigerungen erstmal wieder hereinholen. Wenn man dann insgesamt nur 1.000€ investieren kann, sind diese Kosten mit 35% (260€ / 740€) natürlich viel zu hoch. Bei 10.000€ wären es immerhin noch 2,7%, das sieht schon ganz anders aus. Bei 100.000€ sind die Kosten mit 0,26% dann endgültig da, wo man sie haben will: verschwindend gering. Somit kann man die Daumenregel aufstellen: Einzelaktien kommen ab einem 5-stelligen Gesamtbetrag in Betracht. Im unteren 5-stelligen Bereich sollte man sich dann eher auf 20 Unternehmen beschränken, so dass die Kosten dann nur noch 1,3% ausmachen.

Bei ETFs ist die Diversifikation bereits „serienmäßig“ eingebaut. Jedenfalls solange man nicht den Fehler macht, auf zu enge Indizes zu setzen, die die ganze Idee der ETFs ad absurdum führen. Das gilt z.B. für Branchen-ETFs, die schnell zum Problem werden können, wenn die Branche sich dann doch nicht so entwickelt wie gedacht. Und das passiert leichter als man denkt, denn als normaler Privatanleger konsumiert man die gleichen Informationen wie alle anderen und kommt wahrscheinlich zu gleichen Schlüssen. Das heißt, man investiert in die „angesagten“ Branchen, weil man so viel Gutes darüber gehört hat. E-Mobilität, Wasserstoff, Biotech, Cloud, Künstliche Intelligenz und als absolute Krönung noch Blockchain. Welche Gewinne die dahinterliegenden Unternehmen einfahren, ist erstmal egal. Und das wirkt sich fatal aus, wenn man nach einiger Zeit feststellt, dass diese Begriffe keine Gewinne garantieren und daher hoffnungslos überschätzt werden. Ich kann daher vor dieser Art des „Investierens“ nur warnen.

Mit einem einzigen ETF auf den Index „MSCI World“ ist man in Sachen Diversifikation bestens aufgestellt: 1500 Unternehmen über die ganze Welt verstreut und Gesamtkosten von einmalig 6,50€ und jährlich ca. 0,25%. Das lohnt sich auch schon bei 3- oder 4-stelligen Beträgen.

Zeitaufwand

Der wichtigste Grund, in Einzelaktien statt ETFs zu investieren, besteht in der Überzeugung, durch eine Auswahl der „besten“ Unternehmen mehr Rendite erwirtschaften zu können als der MSCI World. Fakt ist aber, dass die Mehrzahl der Marktteilnehmer dies gerade nicht schafft. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der Großteil des Kapitals in den Händen weniger professioneller Akteure ist. Pensionskassen, Staatsfonds, fondsgebundene Lebens- und Rentenversicherungen, aktiv gemanagte Fonds, alle diese werden professionell verwaltet. D.h. die Kaufentscheidungen werden von Leuten getroffen, die den ganzen Tag nichts anderes machen als Unternehmen und Märkte zu analysieren. Und selbst die schaffen es in der großen Mehrheit nicht, den Markt zu schlagen. Wenn man dann meint, nach Feierabend noch ein bisschen traden zu können, weil man von einem Kollegen einen heißen Tipp bekommen hat, und damit dann nicht nur besser abzuschneiden als die Profis, sondern besser als der Gesamtmarkt, hat man sich natürlich maßlos überschätzt. So einfach funktioniert es nicht, und jeder der es auf diese Art probiert, holt sich eher eine blutige Nase als eine Überrendite.

Heißt das, dass Einzelaktien nur für professionelle Anleger zu empfehlen sind?

Fast. Ich will damit sagen, dass Einzelaktien einer zeitaufwändigen Analyse bedürfen, wenn das Ganze Sinn ergeben soll. Entweder man macht diese Analysen selbst, um 40 Unternehmen zu finden, die das Zeug zu einer Überrendite haben, dann ist das in jedem Fall ein Vollzeitjob. Weitere Voraussetzung ist natürlich, wie in jedem Job, dass man die nötigen persönlichen Eigenschaften und Kenntnisse mitbringt, die dieser Job erfordert. Es gibt an der Börse keinen Welpenschutz, d.h. niemand hält Dich davon ab, etwas Unsinniges zu tun und viel Geld zu verlieren.

Oder aber, und hier kommt dieser Blog ins Spiel, Du überlässt es Leuten wie mir (oder anderen seriösen Analysten), die Unternehmen zu analysieren und kaufst dann „meine“ Aktien einfach nach. Mit dieser Methode ist es m.E. gut möglich, auch neben einem Vollzeitjob in Einzelaktien zu investieren und eine Überrendite einzufahren. Der Zeitbedarf beschränkt sich dann darauf, meine Käufe und Verkäufe zu verfolgen und entsprechend zu handeln.

Vorteile von Einzelaktien

Neben den 2 genannten Bedingungen, die bei der Entscheidung für Einzelaktien erfüllt sein sollten, gibt es einige Vorteile, direkt in die Unternehmen zu investieren und nicht indirekt über ETFs:

  1. Fokussierung auf die Besten
    Warren Buffett fragt, warum er in das zweitbeste Unternehmen investieren sollte, wenn er auch das Beste haben kann. Dieser bestechenden Logik kann man sich kaum entziehen. Voraussetzung ist natürlich, dass man in der Lage ist, dieses „beste“ Unternehmen zu identifizieren. Meistens ist das vermeintlich bessere Unternehmen auch wesentlich teurer, und dann bedarf es einer schwierigen Abwägung, ob der Mehrpreis gerechtfertigt ist oder nicht. Aber es ist grundsätzlich möglich.
  2. Vermeidung der „schwarzen Schafe“
    Viele Menschen möchten nicht in Waffenproduzenten, unseriöse Banken oder betrügerische Autohersteller investieren. Dafür gibt es gute Gründe, denn als Eigentümer einer Aktie ist man letztlich Geschäftspartner des Managements und trägt somit eine Mitverantwortung für deren Handeln. Das möchte man natürlich nur, wenn man den handelnden Personen vertraut und hinter ihren Geschäftspraktiken steht, sei es aus moralischen oder finanziellen Gründen. Denn ein unseriöses Mangement kann nicht nur dem guten Ruf, sondern auch dem Aktienkurs eines Unternehmens erheblichen Schaden zufügen. Während man als Miteigentümer von handverlesenen Unternehmen die schwarzen Schafe leicht links liegen lassen kann, ist dies als Käufer eines breitgestreuten ETF praktisch unmöglich.
  3. Transparenz
    Es gibt kaum eine leichter zu durchschauende Investition als die direkte Unternehmensbeteiligung, also Aktien. Man erhält einen genau definierten Anteil am Unternehmen mit klar festgelegten Rechten wie Stimmrechten auf der Hauptversammlung und dem Anspruch auf die je Aktie ausgeschüttete Dividende. Der tagesaktuelle Kurs ergibt sich zudem direkt durch Angebot und Nachfrage zu jedem einzelnen Unternehmen. Dadurch kann man sehr einfach nachvollziehen, was einem zusteht und im Zweifelsfall sein Recht einklagen. Eine Depotbank wie die Onvista-Bank berücksichtigt zudem Doppelbesteuerungsabkommen, d.h. bei der Ausschüttung der Dividende eines US-amerikanischen Unternehmens wird die gezahlte US-Steuer bei der Berechnung der deutschen Abgeltungssteuer berücksichtigt, d.h. eine Doppelbesteuerung wird vermieden.
    Bei ETFs ist dies sehr viel schwieriger, da man z.B. im Fall der Dividenden die Ausschüttungen aller im ETF enthaltenen Unternehmen nachvollziehen und auf seine ETF-Anteile umrechnen müsste. Dies ist praktisch nicht möglich (bzw. der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Nutzen), und dies hat z.B. dazu geführt, dass bei praktisch allen ETFs mit ausländischen Unternehmen die Dividenden doppelt versteuert werden, d.h. einmal mit der ausländischen Quellensteuer und dann noch einmal mit der deutschen Abgeltungssteuer. Und das ist noch der günstigste Fall, denn wenn Du an einen ETF geraten bist, der einen sog. „net“ Index abbildet, heißt das nichts anderes, als dass der ETF-Anbieter gleich sämtliche Dividenden für sich behält und Du als Anleger in die Röhre schaust. Solche versteckten „Nickeligkeiten“ gibt es bei Einzelaktien nicht.
  4. Fokussierung auf Werte statt Timing
    Wer in Einzelaktien investiert, fokussiert sich ganz automatisch auf die Frage, welchen wahren Wert das Unternehmen aktuell hat und wie sich dieser Wert in der Zukunft entwickeln wird. Um diese Frage zu beantworten, werden die Finanz-Kennzahlen des Unternehmens und dessen Marktposition in Betracht gezogen. Diese Mühen werden in der Regel mit einer Überrendite belohnt, da man sich ja die besten und günstigsten Unternehmen herauspicken kann.
    Wer dagegen in ETFs investiert, stellt sich diese Fragen nicht, denn er ist ja in so vielen Unternehmen investiert, dass die einzelnen darin enthaltenen Unternehmen praktisch keine Rolle spielen. Es zählt nur, wie sich der Gesamtmarkt entwickelt. Und das verführt dazu, sich zu fragen, wie sich wohl die Börsenstimmung in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln wird, ob evtl. ein Crash bevorsteht, die Zinsen stärker oder schwächer steigen als erwartet, was ein gewisser Herr Präsident morgen wieder tweeten könnte und was überhaupt der Dollar macht. Also alles Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben und auch nicht vorhersagen können. Diese Fragen bringen Dich daher nicht weiter, kosten aber viel Zeit bei den täglichen Beantwortungsversuchen, nur um nachher festzustellen, dass es dann doch wieder alles anders gekommen ist als gedacht. Und man entsprechend falsch gehandelt und dadurch eine Minderrendite eingefahren hat.
    Fazit: Wer Zeit und Spaß daran hat, wirtschaftliche Nachrichten und Fakten zu analysieren, sollte sich auf einzelne Unternehmen stürzen. Wer dies nicht hat, der sollte ETFs kaufen und sich nicht um allgemeine Marktveränderungen kümmern.